ELAD-SILDA

Mögliche Metaphern in der Fachsprache

Günter Schmale

Les très nombreuses études de différents types de discours de spécialité sont généralement fondées sur la théorie de la métaphore conceptuelle de Lakoff et Johnson. Cette approche ne prend pas en compte le fait que les participants aux discours doivent comprendre les métaphores et elle fait également abstraction de l’incidence de la situation de communication. Au sein du courant cognitiviste, les métaphores sont en effet déterminées par l’analyste sans qu’il ait recours au contexte d’utilisation, et les relations sémantiques entre domaine source et domaine cible ne sont pas analysées de manière intersubjectivement vérifiable. C’est le interactive property attribution model de Glucksberg qui est particulièrement propice à procéder à une analyse sémantique qui permet de constater la présence d’une métaphore en cas d’existence d’un tertium comparationis entre vehicle properties du domaine source et topic dimensions du domaine cible ; toutefois, ce modèle ne prévoit pas non plus une prise en compte de facteurs contextuels. Après une présentation succincte de l’approche de Lakoff et Johnson et de celle de Glucksberg, la présente contribution propose de ce fait d’analyser une séquence discursive développée, c’est-à-dire une transcription du rapport journalier intégral de la Bourse de Francfort par le correspondant de la chaîne TV allemande ARD. Sur la base du modèle de Glucksberg, une analyse détaillée de co- et contexte permet d’attribuer un caractère métaphorique aux nombreuses expressions imagées en tenant compte d’activités paraphrastiques, mais aussi d’aspects thématiques de la séquence intégrale. Cependant, compte tenu du fait que l’interprétation de relations métaphoriques est très largement tributaire du savoir commun et de la culture générale des communicants, dans une perspective pragmatique, il est nécessaire de se contenter de conclure à une métaphore potentielle qui peut devenir une métaphore réelle uniquement en fonction de l’interprétation de l’interlocuteur.

The majority of treaties within the field of specialized discourse refer to Lakoff / Johnson’s cognitive conceptual metaphor theory. However, their approach does not take into account that metaphors have to be interpreted by discourse participants; it also abstracts from elements of the discourse context and neglects an intersubjectivally verifiable analysis of shared semantic information between source and target domain. It is Glucksberg’s interactive property attribution model which allows a semantic reconstruction of a metaphor by defining an intersection of vehicle properties of the source domain and topic dimensions of the target domain of figurative expressions. Yet, like Lakoff / Johnson, Glucksberg’s aproach does not provide for the consideration of co- and context. Following a brief presentation of both Lakoff / Johnson’s and Glucksberg’s theories of metaphor, the present article will therefore concentrate on the analysis of a transcribed daily report by the German ARD-correspondent at the Frankfurt stock exchange. Starting out from Glucksberg’s attribution model co- and context of the report make it possible to attribute a metaphorical nature to the numerous figurative expressions on the grounds of paraphrases or thematic aspects of preceding or following sequences or even the topic of the complete report. Knowing that the interpretation of metaphorical relations between source and target are dependent on general and/or semantic knowlegde or culture of discourse participants, metaphors can only be potential metaphors from a pragmatic perspective.

Die sehr zahlreichen Untersuchungen unterschiedlicher Typen fach­sprachlichen Diskurses basieren i.d.R. auf Lakoff / Johnsons kognitiver Metaphern­theorie. Dieser Ansatz vernach­lässigt allerdings, dass Metaphern von Diskurs­teilnehmern verstanden werden müssen, abstrahiert zudem von Faktoren der Kommunikations­situation. Metaphern werden allein vom Analysten kontextfrei bestimmt und kognitiven Konzepten zugeordnet. Auch die semantischen Beziehungen, die einen Schluss von einem (konkreten) Ausgangs­bereich auf einen (abstrakten) Ziel­bereich ermöglichen, werden nicht in intersubjektiv nachvoll­ziehbarer Weise analysiert. Für die semantische Rekonstruktion eignet sich besonders gut Glucksbergs linguistisches interactive property attribution model, demzufolge eine Metapher dann vorliegt, wenn vehicle properties des Ausgangs­bereiches und topic dimensions des Ziel­bereiches eine Schnitt­menge bilden. Auch bei Glucksberg erfolgt jedoch kein systematischer Einbezug kontextuell-situativer Faktoren. Im Anschluss an eine Skizze der Ansätze Lakoff / Johnsons und Glucksbergs analysiert der vorliegende Beitrag deshalb eine längere gesprochen­sprachliche Diskurs­sequenz, i.e. eines vollständigen transkribierten Tages­berichtes des ARD-Korrespondenten an der Frankfurter Börse. Auf der Grundlage von Glucksbergs Modell erlauben es Ko- und Kontext des Berichts, den zahlreichen bildstarken Ausdrücken bspw. aufgrund nach­folgender paraphrastischer Aktivitäten oder auch von thematischen Aspekten bestimmter Sequenzen oder des ganzen Berichtes metaphorischen Charakter zuzu­schreiben. Da die Interpretation metaphorischer Beziehungen stark von Wissen und Kultur des Interpreten abhängig sind, kann es sich aus pragmatischer Perspektive des Sprach­benutzers allerdings stets nur um potentielle Metaphern handeln, die nur durch die Interpretation des jeweiligen Adressaten Gestalt gewinnen können.

The metaphor is probably the most fertile power possessed by man.
[José Ortega y Gasset 1980: 784]

Einleitung

1Schon 1934 wies Karl Bühler auf die Allgegenwart von Metaphern in der Sprache hin:

Wer die sprachliche Erscheinung, die man Metapher zu nennen pflegt, einmal anfängt zu beachten, dem erscheint die menschliche Rede bald ebenso aufgebaut aus Metaphern wie der Schwarzwald aus Bäumen. [Bühler 1934: 342]

Auch Rudolf Schmitt, Begründer der systematischen Metaphern­analyse in Deutschland, meint, dass Metaphern in zahlreichen Sprach­bereichen allgegen­wärtig sind:

Unsere Alltags­sprache wie die Wissenschafts­sprache ist durchdrungen von Metaphern, wir können nicht ohne Bilder sprechen. Wir verstehen die Welt anderer Menschen durch Metaphern - und mißverstehen sie. [Schmitt 2000: 2]

Lakoff [1993: 47] geht sogar so weit zu behaupten, dass viele Sach­verhalte allein vermittels Metaphern ausdrückbar sind:

Much subject matter, from the most mundane to the most abstruse scientific theories, can only be comprehended via metaphor.

Ähnlich Gessinger [1992: 92]:

Metaphern sind eine besondere Form anschaulichen Denkens und in gewissen theoretischen Kontexten deshalb nicht ersetzbar, weil sie die notwendige Versinnlichung des Gegenstandes garantieren.

2So ist es keineswegs überraschend, dass eine Vielzahl von Unter­suchungen von Metaphern in der Sprache i.A.1 und in der Fachsprache i.B. vorliegen. Hier nur einige Beispiele aus den zahl­reichen Studien der Metapher im fach­sprachlichen Umfeld: in Auto­fachzeit­schriften [Sakowski 2011], in der Bakteriologie [Hänseler 2009] und Chemie [Lechleiter 2002], in der Börsen­fachsprache [Eitze 2012], in der Computer­fachsprache [Rickert 2002] und Informatik [Steffen 2006], in der juristischen Fachsprache [Szubert 2012], in der Mathematik [Allmendinger 2015; Raschauer 2013], in der medizinischen Fachsprache [Richter 2009; Schmale 2018], in den Natur­wissenschaften [Liebert 2005], in der Pädagogik [Boß 2009] und Didaktik [Peyer & Kuenzli 1999], in der Wirtschafts­sprache [Lutter 2016] und Ökonomie [Muchlinski 2013], in der Wissenschafts­sprache [Gessinger 1992] oder zur Über­setzung termino­logischer Metaphern [Mertanen 2008].2

3Ganz offensichtlich spielen Metaphern beim Ausdruck komplexer Phänomene eine zentrale Rolle.

Lakoff und Johnson haben in beeindruckenden Publikationen belegt, dass unser Denken in großem Ausmaß metaphorischer Natur ist. Wir denken vorzugs­weise komplexe, schwierig zu erfassende Phänomene in Bildern, die einfacher gestalteten und älteren Erfahrungen entspringen. Die Analyse von Metaphern gibt daher eine Antwort auf die Frage, wie wir die Welt aus altbekannten Mustern konstruieren. [Schmitt 2011: 47]

4So ist es kaum überraschend, dass fast ausnahmslos alle genannten Arbeiten, wie i.Ü. auch die Beiträge des vorliegenden Sonder­heftes von ELAD-SILDA, auf Lakoff / Johnsons [1980] Theorie der konzeptuellen Metapher basieren. Dieser im kognitivistischen Paradigma zu verortende Ansatz ist zwar weit verbreitet und hochgeachtet, dennoch nicht unumstritten was die intersubjektiv nachvoll­ziehbare, folglich wissen­schaftliche Identifikation von Metaphern angeht, worauf bspw. Schmitt [2011] hinweist, der sogar von einem „Unbehagen“ gegenüber Lakoff / Johnsons‘ Ansatz spricht [Schmitt 2011: 51]:

Lakoff und Johnson, so meine These, konstruieren metaphorische Gegenständ­lichkeiten und unter­schlagen ihre eigene Deutungs­arbeit, denn die Identifikation von Metaphern einerseits und die Rekonstruktion von metaphorischen Konzepten andererseits sind von sinn­verstehenden Kompetenzen der Interpre­tierenden abhängig. Dieses Ordnen nach sinnhaften Bezügen kann nicht in einem natur­wissen­schaftlichen Sinn algorithmisiert werden, […]. Gegen dieses natur­wissen­schaftliche Selbst­verständnis der kognitiven Linguistik lässt sich argumentieren, dass ein Verstehen von Metaphern aus den Bemühungen eines in dieser Kultur sozialisierten Subjekts resultiert, das Sinn und Zusammen­hang sucht. Die Identifikation von Metaphern und metaphori­schen Konzepten kann daher als hermeneutischer Prozess beschrieben werden. [Schmitt 2011: 51]

5Laut Schmitt [2011] geht bei Lakoff / Johnson verloren, dass Metaphern verstanden werden müssen [Schmitt 2011: 53]. Hinzu kommt, dass keine Angaben über die Erhebung des – rein linguis­tischen – Daten­materials vorliegen, aus dem über passende Fälle auf kognitive Konzepte geschlossen wird, wobei die kommunikative und situative Bedeutung und insbesondere die Deutung der Teilnehmer an kommunikativen Interaktions­situationen vernach­lässigt wird [vgl. Schmitt 2011: 51-52]. Eine intersubjektiv nachvoll­ziehbare Methode der Metaphern­konstruktion auf der Grundlage von sprachlich-kommunikativen Manifestationen wird folglich durch Lakoff / Johnsons [1980] konzeptuellen Ansatz nicht gewähr­leistet. Sprachliche Metaphern werden vom Analysten kontextfrei bestimmt und bestimmten kognitiven Metaphern­konzepten zugeordnet, wobei die ausschlag­gebenden Kriterien für die Bestimmung einer Beziehung zwischen Ausgangs- und Zielbereich, die i.Ü. nur für den Analysten transparent zu sein hat, nicht offen­gelegt werden.

6Idealiter müsste die Interpretation einer Metapher, einer semantischen Beziehung zwischen Ausgangs- und Ziel­bereich, über eine meta­kommunikative Äußerung oder über eine Folge­aktivität des Adressaten erfolgen, die deutlich macht, dass dieser die metaphorische Beziehung adäquat interpretiert hat, z.B.:

A: Du bist auf dem Holzweg, wenn du denkst, dass du die Prüfung ohne ernsthafte Vor­bereitung schaffen kannst.
B: Doch, davon bin ich fest überzeugt. Ich kann meine Fähig­keiten schon richtig einschätzen und verrenne mich da nicht.3

7Aus Bs Folgeturn ist ersichtlich, dass dieser die Metapher auf dem Holzweg sein in der Bedeutung ‚sich irren‘ interpretiert und folgerichtig As Warnung relativiert. Leider sind nur in den wenigsten Fällen derartige Folge­aktivitäten vorhanden, die eindeutig auf das Verständnis der Metapher hindeuten. Meist kann dies nur indirekt aufgrund bestimmter semantischer, aber auch ko- und kontextueller oder situativer Faktoren rekonstruiert werden. Für die semantische Rekonstruktion eignet sich besonders gut Sam Glucksbergs [2001] linguistisches interactive property attribution model. Dieses besagt, dass nur dann eine Metapher vorliegt, wenn für bestimmte Merkmale von topic (Zielbereich, ~Thema i.e.S.) und vehicle (Ausgangsbereich, ~Medium) ein tertium comparationis existiert, d.h. gemein­same vehicle properties, die vom Ausgangs­bereich auf den Ziel­bereich übertragbar sind. Dabei geben Zielbereiche von Metaphern „aufgrund ihrer semantischen Eigen­schaften bestimmte Dimensionen [die topic dimensions; GS) für die Merkmals­übertragung vor“ [Stöckl 2004: 203]). Gibt es derartige geteilte Bedeutungs­merkmale, schreibt Burger [2010: 26] den jeweiligen potentiell metaphorischen Ausdrücken eine „semantische Basis“ zu.

8Schmale [2014], der sich mit bildhaften, a priori metaphorischen idiomatischen Ausdrücken beschäftigt, versucht, die Möglichkeit deren Interpretation über eine vorhandene semantische Basis bzw. über ko -und kontextuelle Elemente nachzuweisen, wobei er unter­schiedliche Konstella­tionen beleuchtet. Entscheidend ist, dass keine isolierten Einzelaus­drücke analysiert werden, sondern systematisch bildhafte lexematische Einheiten, Syntagmen oder Äußerungen im kommunikativen Kontext, sei er schrift- oder sprech­sprachlich, so dass die Möglich­keit besteht, voraus­gehende und eventuell nachfolgende Aktivitäten in Bezug auf den jeweiligen potentiell metaphorischen Ausdruck als zentrales Element in die Interpretation einzu­beziehen.

9In einem ersten Schritt werden die grund­legenden Annahmen der konzeptuellen Metaphern­theorie skizziert (Punkt 1), wobei eine Beschränkung auf die wichtigsten Komponenten erfolgt, da andere Aufsätze des vorliegenden ELAD-Nummer, insbesondere der von Jamet / Terry, den Lakoff / Johnson-Ansatz ausführlich darstellen. Auf eine angedeutete kritische Bewertung wird allerdings nicht verzichtet. Im Anschluss daran ist Glucksbergs [2001] interactive property attribution model vorzu­stellen (Pkt. 2), auf dem die angestellten Unter­suchungen möglicher Metaphern beruhen werden. Auch dieses Modell wird kritisch hinterfragt. Auf der Grundlage der Über­legungen der Punkte 1 und 2 werden im Anschluss an Schmale [2014] mögliche Metaphern in einem längeren Börsen­bericht untersucht (Punkt 4). Zuvor muss allerdings ein Exkurs erfolgen, um zu klären, inwieweit ein an ein breites Fernseh­publikum gerichteter Bericht von der Börse der Fach­sprache zugerechnet werden kann (Punkt 3). Abschließend stellt der vorliegende Beitrag anhand der erarbeiteten Resultate weitere Über­legungen zu einem Konzept der „möglichen Metapher“ an, das in Schmale [2014] im Anschluss an Seltings [1995: 210] „möglichen Satz“ vorgelegt wurde.

1. Lakoff / Johnsons Theorie der konzeptuellen Metapher

10Als Grundlage der kognitiven Metaphern­theorie kann folgende Aussage Lakoff / Johnsons [1980] gelten4, wobei man allerdings präzisieren muss, dass es sich um das Verständnis („understanding“) des Sprechers oder Produzenten des jeweiligen als metaphorisch geltenden Ausdrucks handeln muss, da man bezüglich des Verstehens des Hörers oder Adressaten im Grunde über keinerlei Auf­schlüsse verfügt.

The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms of another. [Lakoff & Johnson 1980: 11; kursiv im Original]5

11Lakoff [1993] illustriert diese Relation durch das berühmte „love is a journey“-Beispiel und präzisiert das Übertragungs­verhältnis durch das Paar “source domain” – “target domain“, das auch bereits von Lakoff / Johnson [1980: 177] verwendet wurde:

The metaphor involves understanding one domain of experience, love, in terms of a very different domain of experience, journeys. More technically, the metaphor can be understood as a mapping (in the mathematical sense) from a source domain (in this case, journeys) to a target domain (in this case, love). [Lakoff 1993: 5]

12Schon sehr viel früher führt Weinrich [1958; 1967] in seiner Bildfeld­theorie, die er im Anschluss in eine literaturwissen­schaftlich orientierte Metaphern­analyse ausweitet (cf. Weinrich [1976]), die Begriffe Bild­spender­(bereich) und Bild­empfänger­(bereich) ein; Liebert [1992: 31] gebraucht Herkunfts- und Ziel­bereich, Burger4 [2010: 88] Ausgangs- und Ziel­bereich. In der englisch­sprachigen Literatur findet man, allerdings u.U. in anderen Paradigmen gründend, vehicle und topic bei Glucksberg [2001] oder vehicle und focus bei [Steen 1999]. Alle basieren aber grosso modo, wenn auch nicht explizit, auf der aristotelischen Über­tragung der „eigentlichen“ Bedeutung eines Begriffes auf eine „uneigent­liche“, mit dem Ziel, einen mehr oder weniger abstrakten Sach­verhalt mithilfe eines konkreten zu bezeichnen.

13Auch wenn Lakoff / Johnsons Analysen, wie erwähnt, von der repräsentierten linguistischen Form von Äußerungen ausgehen, die i.Ü. von den Autoren gesammelten „passenden“ Einzel­beispielen und nicht Text­korpora entstammen, so werden Metaphern bei ihnen nicht als primär sprach­liche Phänomene betrachtet, sondern vielmehr als konzeptuelle Einheiten des Denkens (vgl. Stöckl [2004: 202]).

Metaphor is fundamentally conceptual, not linguistic, in nature. Metaphorical language is a surface manifestation of conceptual metaphor. [Lakoff 1993: 39]

14So ist es erklärbar, dass einem Konzept mehrere sprachliche Ausdrücke entsprechen. Das Konzept argument is war oder argumentation / diskussion ist krieg6 beispiels­weise kann durch die Phraseme schwere Geschütze auffahren, sich ein Wortgefecht liefern, jmdm in die Parade fahren, einen Stand­punkt angreifen oder verteidigen und viele andere mehr sprachlich ausgedrückt werden.

15Dabei müssen selbst­verständlich nicht sämtliche Bedeutungs­merkmale der Konzepte von Ausgangs- und Ziel­bereich über­einstimmen, es werden vielmehr nur die aus dem „source domain“ aktualisiert, die zum metaphorischen „target domain“ passen.

The very systematicity that allows us to comprehend one aspect of a concept in terms of another (e.g., comprehending an aspect of arguing in terms of battle) will necessarily hide other aspects of the concept. In allowing us to focus on one aspect of a concept (e.g., the battling aspects of arguing), a metaphorical concept can keep us from focusing on other aspects of the concept that are inconsistent with that metaphor. For example, in the midst of a heated argument, when we are intent on attacking our opponent's position and defending our own, we may lose sight of the cooperative aspects of arguing. Someone who is arguing with you can be viewed as giving you his time, a valuable commodity, in an effort at mutual understanding. But when we are preoccupied with the battle aspects, we often lose sight of the cooperative aspects. [Lakoff & Johnson 1980: 10]

16Lakoff / Johnson [1980: 13-15] sprechen hier von „highlighting“ (Hervor­hebung, in den Vorder­grund stellen, Aktualisierung) und „hiding“ (in den Hinter­grund stellen, Verbergen, Aus­blenden), ohne ein genaues Verfahren darzustellen, wer – der Analyst, der Metaphern­produzent oder der Rezipient – aufgrund welcher Kriterien welche Merkmale selektiert.

17Im Grunde werden Metaphern von der kognitiven Metaphern­theorie nicht direkt über (kognitive) Konzepte bestimmt, sondern „umgekehrt in einer Art Rekonstruktion der konzeptuellen Metaphern aus dem empirisch erfaßbaren Sprach­material“ [Jäkel 2003: 23].

Lakoff / Johnson [1980: 7] begründen diese Vorgehens­weise wie folgt:

Since metaphorical expressions in our language are tied to metaphorical concepts in a systematic way, we can use metaphorical linguistic expressions to study the nature of metaphorical concepts.

18Schmitt [2011: 51] bemerkt dazu kritisch, dass man „[i]n Anlehnung an die Kritik Habermas‘ [1968: 300] an Freud […] von einem ‚szientistischen Selbst­miss­verständnis‘ der kognitiven Linguistik sprechen“ könne. Habermas meinte, dass Freud „lediglich“ eine bestimmte Hermeneutik entwickelt habe. Für eine ähnliche Haltung gegenüber der kognitiven Linguistik plädiert Schmitt: Die Beziehungen zwischen Ausgangs- und Ziel­bereich sind nicht objektiv gegeben, sondern bedürfen der Interpretation. Eine nach­vollziehbare Methodik für die Erstellung von Metaphern­listen, für die sie universelle Gültig­keit beanspruchen,7 bieten Lakoff / Johnson [1999: 50-52] allerdings nicht an; ihrer Methode „findings und discoveries“ liegt eine eher intuitive Vorgehens­weise zugrunde.

19Bei den Kognitivisten geht es nicht darum nachzu­weisen, ob der Produzent eines Ausdrucks diesen intentionell als Metapher konzipiert hat, auch nicht, ob der Adressat ihn als solchen versteht, sondern um eine oft kontext­freie Bestimmung von Konzepten auf der Grundlage gesammelter Äußerungen, denen dann Konzepte zugeordnet werden.

20Interpretationen von Metaphern sind jedoch von persönlichen, sozialen, kulturellen, ko- und kontextuellen Faktoren usw. abhängig und können ganz unter­schiedlich ausfallen, ausnahmslos Aspekte kommunikativer und situationeller Bedeutung, die von Lakoff / Johnson zugunsten der kognitiven und textuellen Dimension potentiell metaphorischer Ausdrücke vernach­lässigt werden (vgl. Lakoff & Johnson [1999: 50-52]).8

Schmitt ist deshalb völlig zu Recht der Ansicht:

[…] es verdichten sich die Hinweise, dass die Ergebnisse von Metaphern­analysen nur mit Angabe der konkreten kommunikativen Situation sinnvoll diskutiert werden können, […]. [Schmitt 2011: 52]

Da jedoch selbst bei zur Verfügung stehenden ko(n)textuellen und situativen Informationen nicht immer (ein)eindeutig entschieden werden kann, ob der Adressat eines bildhaften Ausdrucks diesen tatsächlich als Metapher interpretiert, eine Bestimmung von Metaphern auf der Grundlage von Folge­aktivitäten in konversations­analytischer Manier also kaum möglich ist, muss eine andere Methodik zur Anwendung kommen.

21So meint Colston [2015], dass die Interpretation von Metaphern allein auf der Grundlage weitver­breiteter Kennt­nisse etablierter Metaphern oder sozialer Normen erfolgen kann.

Metaphors, even novel ones, that make use of widely used conceptual metaphorical mappings between source and target domains probably can be relied on to achieve their meaning in normal adult addressees/hearers. So long as the metaphors additionally do not rely on complex mapping structures or specialized instantiations of the source domains, then strict consultation of common ground for familiarity likely would not be necessary. Other figures also may omit or reduce common-ground consultation and still achieve aptness. Interlocutors using these forms can rely on many social norms and environmental expectancies when speaking figuratively. Norms and expectancies constitute a deep form of community co-membership. […] Speakers should not have to consider whether their interlocutor(s) have this knowledge. [Colston 2015: 130]

22Um kontextuelle, d.h. nicht konventiona­lisierte Metaphern zu verstehen, kann lt. Colston [2015] jedoch Weltwissen notwendig sein (cf. 130), so dass bei dessen Fehlen kein Verständnis erfolgen kann. Aber auch bei Colston erfolgt die Interpretation intuitiv, genaue Bestimmungs­kriterien werden nicht formuliert.

23Für Burger [2010] beruhen Metaphern dagegen auf semantischen Relationen,

die dem System der Sprache zuzusprechen sind, die von durch­schnittlichen Sprechern jederzeit nachvoll­ziehbar sind, die also nicht nur […] unter individuellen situativen oder kontextuellen Bedingungen eine Rolle spielen. [Burger 2010: 69]9

Auch Stöckl [2004: 208] stellt fest,

dass […] der Sprachbenutzer […], um metaphorische Ausdrücke zu verstehen, die zugrunde liegende konzeptuelle Projektion zwischen den Wissens­domänen (wieder)erkennen [muss].

In gleicher Weise argumentiert Steen [2011: 49]:

Contrary to the position of the old contemporary theory, it (i.e. the metaphor) may predominantly reside in language structure without giving rise to much metaphorical thought, simply because it is processed via lexical disambiguation.

24Stöckl stellt gleichzeitig die wichtige Frage, „woher der Rezipient weiß, welche semantischen Merkmale auf den Zielbereich übertragen werden sollen“. […] [Stöckl 2004: 203] Da die Linguistik hierauf keine Antwort geben kann, auch Sprecher­befragungen keinen Aufschluss erbringen würden, müssen semantische Kriterien herangezogen werden. Sind Merkmale des lt. Burger wörtlich zu interpretierenden Ausgangs­bereiches auf den nicht semantisch kompositionell zu dekodierenden Ziel­bereiches übertragbar, liegt für Burger eine Metapher vor, da eine semantische Basis existiert. Existiert eine derartige semantische Basis nicht, d.h. Merkmale des Bild­spenders sind nicht auf den Bild­empfänger übertragbar, kann man nicht auf eine Metapher schließen. So wäre für das Idiom die Nadel im Heuhaufen suchen im Sinne von ‚ein äußerst mühsames, fast unmögliches Unterfangen‘ eine semantische Basis vorhanden, da der Erfolg der beschriebenen Aktivität einen unglaub­lichen Aufwand erfordert bzw. höchst unwahr­scheinlich ist.10 Für Rabeneltern (sein)11 gibt es dagegen keine semantische Basis, da der Interpretant wissen muss, dass Raben ihre Brut anderen Vögeln ins Nest legen, sich also nicht selbst um ihren Nachwuchs kümmern, folglich schlechte Eltern sind. Weiß man dies nicht, könnte man sogar das Gegenteil interpretieren, da sich Vögel in der Regel ausge­zeichnet um ihren Nachwuchs kümmern, man denke an die Bilder, auf denen sich weitge­öffnete Schnäbel des Nach­wuchses aus den Nestern den Eltern entgegen­strecken.

25Die Bestimmung einer derartigen semantischen Basis ist dann relativ problemlos, obwohl sie noch nichts über die tatsäch­liche Interpretation von Adressaten aussagt, wenn es um stark konventiona­lisierte Idiome und / oder transparente Bilder geht. Handelt es sich allerdings um ad hoc-Metaphern, die in der Situation neu gebildet werden, muss bei fehlenden offensicht­lichen Hörer­interpretationen eine genaue semantische Analyse der Bedeutungs­merkmale von Ausgangs- und Ziel­bereich erfolgen, um deren partielle Identität zu eruieren, die eine Über­tragung und somit den Schluss auf eine Metapher erlauben würde.

26Sam Glucksbergs [2001] interactive property attribution model scheint dafür eine geeignete Grundlage zu liefern und wird deshalb im nächsten Abschnitt vorgestellt und diskutiert.

2. Glucksbergs interactive property attribution model

27Im Gegensatz zur skizzierten und für zu stark interpretativ befundenen kognitiven Metaphern­theorie geht der linguistische Ansatz Sam Glucksbergs [2001] davon aus, dass

Metaphern sprachlich-begrifflich repräsentiert sind und in der Rezeption eine kontext­sensible pragmatische Manipulation von sprachlichen Bedeutungen erfordern [Stöckl 2004: 202].

28Anders als im kognitiven Metaphern­modell, demzufolge Sprach­benutzer in bestimmten Situationen Metaphern als konzeptuelle Einheiten des Denkens aktualisieren, müssen diese im Anschluss an Glucksbergs linguistischen Ansatz semantische Merkmale des „vehicle“ (dem „source domain“ Lakoff / Johnsons) und des „topic“ (dem „target domain“ bei L/J) abgleichen.

29Nur dann, wenn bestimmte Merkmale des „vehicle“, die „vehicle properties“, mit den „topic dimensions“ vereinbar sind, liegt eine Metapher vor.

Die Selektionsfunktion des ‚topic‘ für die Attribuierung von ‚vehicle properties‘ wird mit dem Begriff der ‚topic dimensions‘ gefasst. D.h. Ziel­bereiche von Metaphern geben aufgrund ihrer semantischen Eigen­schaften bestimmte Dimensionen für die Merkmals­übertragung vor. [Stöckl 2004: 203]

30Für Glucksberg [2001] selbst handelt es sich um eine interaktive Beziehung zwischen „vehicle“ und „topic“ der jeweiligen Metapher, daher die Bezeichnung „interactive property attribution model“.

Our interactive property attribution view of metaphor comprehension thus makes two independent claims. The first claim is that metaphor vehicles and topics play different but interactive roles. A metaphor topic provides dimensions for attribution, while a metaphor vehicle provides properties to be attributed to the topic. [Glucksberg 2001: 53; Hervorhebung GS]

31Er illustriert die Beziehung zwischen Medium (vehicle) und Thema (topic) an folgendem Beispiel, das relevante Eigen­schaften des Mediums illustriert.

Metaphors work via an interaction between the metaphor vehicle and the metaphor topic. In nominal metaphors, salient properties of the vehicle are attributed to the topic. Thus, in the assertion her letter was a dagger in his heart, properties of the vehicle dagger, such as piercing, wounding, perhaps even killing, are attributed to the topic, her letter. In predicative metaphors, salient characteristics of actions or other verb-referents are attributed to the subject or object of an assertion, as in consumed by guilt and shame, Fred finally grasped his fate. In this assertion, Fred is characterized as being either destroyed or totally engrossed (consumed) by feelings of shame and guilt and also as fully understanding (grasping) what will happen to him. [Glucksberg 2001: 52; Hervorhebungen im Original]

32Gleichzeitig weist Glucksberg darauf hin, wohl im Anschluss an Lakoff / Johnsons [1980: 13-15] „highlighting and hiding“-Prinzip bei der Metapher­verwendung, dass nur bestimmte Typen von „property attributions“ des „vehicle“ für das jeweilige „topic relevant sind. Im vorstehenden Fall von Dolch und Brief wären alter, wert, material, gewicht, länge, besitzer des Dolches als ebenfalls existierende Merkmale des Mediums für das das Thema‚ Brief im vorliegenden Kontext irrelevant, könnten es in einem anderen Zusammen­hang aber durchaus werden.

33Diese „vehicle dimensions“, die Eigen­schaften (properties) oder Merkmale des Mediums, interagieren mit den „attributional dimensions“ des Themas, da, wie gezeigt, nicht sämtliche Merkmale des Mediums für das Thema relevant sind. Das „topic“ selektiert also letztend­lich auf dieses zutreffende Merkmale, so dass eine Schnitt­menge aus „vehicle“ und „topic“ entsteht, die man mit dem aus der Rhetorik stammenden Begriff des tertium comparationis bezeichnen kann. Dazu wiederum eine Illustration Glucksbergs:

With respect to topics, the number of relevant attributional dimensions varies from topic to topic. Topics with relatively few such dimensions place a high level of constraint on potential attributions. The topic lawyer, for example, is likely to be characterized on relatively few dimensions, among them skill, experience, temperament, ambition, reputation, and cost. It would be highly unlikely that any given lawyer would be characterized qua lawyer on dimensions that are irrelevant to the practice of law, such as height, weight, or musical talent. Topics such as lawyer thus impose a high level of constraint on potential attributions. In contrast, other topics such as my brother provide very few constraints on potential attributions because one might say almost anything about one’s brother. Metaphor topics, then, can vary in terms of the level of constraint that they place on interpretation. High-constraining topics produce limited expectations about how they might be characterized, whereas low-constraining topics produce relatively unlimited expectations about how they might be characterized. [Glucksberg 2001: 54-55]

34Glucksberg unterscheidet hier stark restringierende Themen („high-constraining topics“), die mögliche Merkmal­zuschreibungen stark einengen, von schwach restrin­gierenden Themen­typen („low-constraining topics“), die quasi unbe­grenzte Merkmals­zuschreibungen zulassen. Und so wie Themen eine unter­schiedliche Zahl relevanter Dimensionen ermöglichen können, so können auch Eigen­schaften des Mediums mehr oder weniger stark in der Zahl der Eigen­schaften variieren, die dem Thema zuge­schreibbar sind (vgl. Glucksberg [2001: 55]). Dabei sind einige „metaphor vehicles“ quasi unzweideutig, indem sie nur ein einziges Merkmal aufweisen, wie im Falle von Hai oder Gefängnis. Haie sind – fälsch­licherweise – der Inbegriff des hinter­hältigen und blutrünstigen Raubtieres; Gefängnis steht für eine unangenehme, die Freiheit ein­schränkende Situation, so dass sie auch nur auf entsprechend definierbare Themen­typen übertragen werden können. Wieder andere Metaphern­typen sind dagegen relativ mehr­deutig, indem sie keine (ein)eindeutige Zuordnung von Eigen­schaften des Mediums zum Metaphern­thema erlauben. Dies wäre lt. Glucksberg bspw. bei der Metapher eine Reise auf den Grund des Meeres der Fall, in dem Reise für keine bestimmte Kategorie steht, so dass man nicht weiß, welche Eigen­schaften dem Thema zugewiesen werden können (vgl. Glucksberg [2001: 55]).

35Daraus folgt nach­stehendes interaktives Prinzip, das lt. Glucksberg das Verstehen von Metaphern steuert:

Understanding a metaphor […] requires two kinds of semantic and world knowledge. First, one must know enough about the topic to appreciate which kinds of characterizations are relevant and meaningful (i.e., the relevant dimensions of within-category variation of the topic concept). Second, one must know enough about the metaphor vehicle to know what kinds of things it can epitomize. Given this knowledge base, one can readily understand metaphors with ambiguous vehicles when the metaphor topic is high-constraining (i.e., has relatively few attributional dimensions). Similarly, one can readily understand metaphors with low-constraining topics (i.e., with many attributional dimensions) when the metaphor vehicle is reasonably unambiguous. In this sense, metaphor topics and vehicles are used interactively to generate interpretations. [Glucksberg 2001: 55]

Das o.a. Reise-Beispiel, in dem laut Glucksberg keine unmittelbar zugängliche Zuordnung von „vehicle“-Eigen­schaften zu einem bestimmten Thema erfolgen kann, wirft aber nun ein Problem auf. Bei kontext­freier Interpretation ist dies zweifellos richtig, im spezifischen situativen Kontext wäre eine Über­tragung bestimmter ausgewählter Eigen­schaften auf das Konzept Reise aber zweifellos realisierbar. Dass Glucksberg derartige kontextfreie Zuschreibungen vornimmt, ist über­raschend, wenn er an anderer Stelle sagt, dass „literal language is not context independent and unproblematic“ [Glucksberg 2001: 11] ist. Wie kann die Interpretation von tertia comparationa von „vehicle“ und „topic“ kontext­frei erfolgen, wenn schon wörtliche, nicht-metaphorische Bedeutungen kontext­sensitiv interpretiert werden müssen?

36Glucksberg vergleicht schließlich die Interpretation wörtlicher und metaphorischer Bedeutungen, woraus man schließen kann, dass letztere ebenfalls den Rückgriff aus kontextuelle Informationen erforderlich machen.

When one encounters a metaphorical expression, there is no principled reason for a literal interpretation to take precedence over a metaphorical one, given that even initial word recognition and literal decoding are context sensitive. [Glucksberg 2001: 17]

37Es wäre in der Tat unlogisch zu behaupten, dass semantisch kompositionelle, „wörtliche“ Interpretationen den Rückgriff auf den Kontext notwendig machen, semantisch nicht kompositionelle bildhafte Metaphern jedoch nicht. I.Ü. meint Glucksberg, dass

(a) nonliteral understanding is not in principle more effortful or more complex than literal understanding; (b) nonliteral understanding can be as data driven (i.e., automatic and nonoptional) as literal understanding; and (c) metaphors are not implicit comparisons and so are not understood via a comparison process. [Glucksberg 2001: 11]

38Glucksbergs interactive property attribution model soll im Folgenden die Grundlage für die Analyse eines längeren Berichts eines Korrespondenten an der Frankfurter Börse zur projektierten Fusion zweier deutscher Großbanken bilden. Anders als bei Glucksberg werden dabei allerdings systematisch ko- und kontextuelle Faktoren einbezogen, um die semantische Interpretation von Merkmalen des Mediums und Themen­dimensionen („topic dimensions“) auf „teilnehmer­relevante Füße“ zu stellen – soweit dies realisierbar ist, was zu prüfen sein wird.

3. Exkurs – Ein an das breite Publikum gerichteter Börsenbericht als Fachsprache?

39Obwohl der Titel des vorliegenden Beitrages Mögliche Metaphern in der Fachsprache lautet, wird als Unter­suchungs­grundlage ein Börsen­bericht des deutschen Fernseh­senders ARD gewählt, der sich an das breite Fernseh­publikum wendet, also keines­wegs an Spezialisten aus dem Bereich Börsen­handel, Ökonomie, Wirtschaft usw. Legt man die Definition des DUWB des Begriffes ‚Fachsprache‘ zugrunde – „Sprache, die sich vor allem durch Fach­ausdrücke von der Gemein­sprache unter­scheidet“ –, könnte man geneigt sein, das gewählte Korpus (s. Pkt. 4) der Gemein­sprache, nicht aber der Fachsprache zuzurechnen, da im Grunde mit Ausnahme von Fusion, fusionieren, Kurs keine Fach­ausdrücke12 verwendet werden. Gegen ein derartiges vorschnelles Urteil spricht allerdings folgende Aussage Lerats [1995]:

Une langue spécialisée ne se réduit pas à une terminologie : elle utilise les dénominations spécialisées (les termes), y compris des symboles non linguistiques, dans des énoncés mobilisant les ressources ordinaires d’une langue donnée. On peut donc la définir comme l’usage d’une langue naturelle pour rendre compte techniquement de connaissances spécialisées. [Lerat 1995: 21]

40In Abgrenzung zu der im Anschluss an Wüsters [1979] Terminologie-Ansatz lange vorherr­schenden Vorstellung von fachsprach­lichem Gebrauch als „langue de spécialité“, als Spezial­sprache oder Technolekt, begründete Lerat [1995] einen Ansatz, der Fach­sprache als eine natürliche Sprache versteht, die als Fundament für den Ausdruck von Spezial­kenntnissen dient, dabei aber durch lexikalische und teilweise auch syntaktische Elemente angereichert wird.13

41Schon Hoffmann [1987] hatte den Begriff Fachsprache als weit über die reine Terminologie hinaus­gehend gefasst:

Fachsprache – das ist die Gesamtheit aller sprachlichen Mittel, die in einem fachlich begrenzbaren Kommunikations­bereich verwendet werden, um die Verständigung zwischen den in diesem Bereich tätigen Menschen zu gewähr­leisten. [Hoffmann 1987: 53]

42Bei Hoffmann [1987] beschränkt sich Fachsprachen­gebrauch folglich nicht auf die Anreicherung der Gemein­sprache durch spezifische lexikalische Einheiten, sondern umfasst sämtliche sprachlichen Mittel. Er kündigt somit bereits die diskursive oder kommunikative Ausrichtung der Fachsprachen­forschung an, die Fachsprachen als Spezial­diskurse oder spezialisierte Diskurse verstehen (vgl. dazu Gautier [2017: 1-4]).

Objekt der Fachsprachen­forschung ist nicht mehr die rein linguistische Form, sondern die spezifische Ausprägung des Fachsprachen­gebrauchs im Diskurs, in der Kommunikation, deren Formen über Lexis und Morpho­syntax hinausgehen. (Schmale/Hrsg. [2018: 18])

43Die skizzierten Auffassungen von Fach­sprache als ein auf der Gemein­sprache basierender spezialisierter Diskurs macht nun eine sehr viel differenziertere Sicht­weise dessen, was als fachsprach­licher Diskurs gelten kann, möglich. Denn so lässt sich eine Skala mit den Endpunkten Gemeinsprache einerseits und Fachsprache andererseits ansetzen, auf der die unter­schiedlichen Manifestationen fachsprach­lichen Diskurses verortet werden können. Während jedoch ein Gespräch über den Gartenzaun eindeutig dem Endpunkt Gemeinsprache zugeordnet werden kann, vorausgesetzt man spricht nur über das Wetter und nicht über die Technik des neuesten Smartphones, kann es eine reine Fachsprache nie geben, da diese immer auf nicht-terminologische Lexik (Artikel, Possessiva, Hilfsverben usw.) und normal­sprachliche Morphosyntax angewiesen ist.14 So kann ein Gespräch unter behandelnden Ärzten von einer Vielzahl von griechischen oder lateinischen Fach­termini durchsetzt sein, die dem Laien a priori unver­ständlich sind,15 dennoch können sie nicht auf den Rückgriff auf die Normal­sprache verzichten. Zwischen den Endpolen ‚Normal­sprache – Fach­sprache‘ kann es eine Reihe unter­schiedlicher Konstellationen geben, die jeweils mehr oder weniger stark gemein- oder fach­sprachlich geprägt sind. So mag es bei einem Tisch­gespräch unter Freunden um technisch hoch­komplizierte Themen gehen, die die Verwendung fach­sprachlicher Ausdrücke notwendig machen, gleichzeitig aber auch um die praktischen Belange des Essens oder dessen Kommentierung.16 Andererseits kann ein grund­sätzlich hoch­komplexes Thema mit der Gemein­sprache zugehörigen Mitteln behandelt werden, wenn bspw. ein Neurologe anlässlich eines Vortrages vor Kollegen einen Schlaganfall mit einer Frucht mit Druck­stellen (un fruit talé) oder ein Aneurysma mit einem Ball (ballon) vergleicht. In der gleichen Weise kann ein ökonomisch hoch­komplexes Thema wie eine angestrebte Banken­fusion, um die es im analysierten Börsen­bericht gehen wird (s. Pkt. 4), mit eher alltags­sprachlichen Vergleichen oder Metaphern behandelt werden. Selbst wenn im strengen Sinne keine Fach­termini vorkommen, handelt es sich dennoch um einen dem fach­sprachlichen Paradigma zugehörigen Diskurs. Schmitt ([2000]; cf. supra) weist schließlich dezidiert darauf hin, dass Fach- und Wissen­schafts­sprachen nicht ohne Metaphern auskommen können, um seine Kommunikate, seien sie nun an Laien oder Spezialisten gerichtet, verständlich auszudrücken.

44Der i.F. behandelte Börsen­bericht, mag er sich auch an der Schnitt­stelle von Spezialisten- und Laien­diskursen befinden, wird im folgenden Beitrag deshalb als Fachsprache deklariert und analysiert.

4. Mögliche Metaphern in einem Börsenbericht

45Die Ausdrucksweise „mögliche Metaphern“ wird gewählt, um darauf hinzu­weisen, dass es sich für den Analysten auf den ersten Blick um eine Metapher handelt. Erst eine detaillierte Analyse kann jedoch zeigen, ob es sich einerseits aus semantischer Perspektive um eine Überlappung (tertium comparationis) von Merkmalen des Mediums („vehicle properties“) mit Attributen des Themas („topic dimensions“) handelt, und ob andererseits die Adressaten der – potentiellen – Metapher diese auch tatsächlich als solche interpretieren. Die Analyse erfolgt am Beispiel der Börsen­nachrichten aus Frankfurt am Main des ARD Mittags­magazins vom 1. Februar 2019. Hier die vorwiegend segmental transkribierte Aufnahme des Berichts von der Börse.17

46(1) Moderatorin im ARD-Studio Jessy Wellmer (= M); Stefan Wolff, ARD-Korrespondent an der Frankfurter Börse (= W).

 

01 M wenn zwei sich zusammentun da kann was gutes bei rumkommen,
02 muss aber nich; und was würde ein bankenzusammenschluss überhaupt
03 für uns verbraucher bedeuten; stefan wolf in frankfurt an der börse
04 kann uns das bestimmt alles ein bisschen entwirren stefan; (.)
05 die fusion von commerzbank und deutscher bank als letzte rettung,
06 wie siehst du das,
07 W na ja aus der not heraus zu fusionieren ist selten ne richtich gute idee,
08 und die zahlen der deutschen bank zeigen ja DEUTlich
09 dass es noch nich wirklich richtich rund läuft; im vierten quartal
10 rutscht die deutsche bank sogar wieder in die roten zahlen,
11 vor allem das investmentbanking fuhr verluste ein,
12 das ist unter anderem der handel mit aktien und anderen wertpapieren;
13 und der mit abstand wichtigste geschäftszweig der deutschen bank;
14 dazu kommen jede menge andere probleme-
15 die lange liste der skandale ist noch nicht abgearbeitet,
16 der vielbeschworene kulturwandel hat nicht stattgefunden;
17 doch für eine neue unternehmenskultur ist christian sewing
18 nicht angetreten;er soll die deutsche bank wieder auf gewinne trimmen,
19 das ist nach drei verlustreichen jahren im ANsatz gelungen,
20 doch es ist noch ein stück des weges zu gehen;
21 eine fusion würde da eher nur neue baustellen aufreißen;
22 M stefan wie steht denn die deutsche bank
23 überhaupt im internationalen Vergleich da;
24 W ja deutsche banken haben sich generell deutlich langsamer
25 von der finanzkrise erholt als die europäische konkurrenz,
26 von den amerikanern brauchen wir da gar nicht zu reden,
27 die verdienen mehr geld denn je; die börse spiegelt das,
28 im vergangenen jahr ist der kurs der deutschen bank kräftich gefallen,
29 in deutschland ist sie zwar immer noch nummer eins,
30 unter den bankenriesen europas ist die deutsche bank aber n zwerg;
31 die britische hsbc ist mit abstand der branchenführer;
32 die nummer zwei, die spanische banco santander ist nur halb so groß,
33 es folgt die französische bnp paribas;
34 die deutsche bank ist nur ein bruchteil von der hsbc wert;
35 es gab ja auch die überlegung die deutsche bank und die bnp
36 zu einem europäischen champion zu verschmelzen,
37 an sich ne ganz gute idee- doch eine solche fusion,
38 würde nicht auf augenhöhe stattfinden
39 dafür ist die deutsche bank einfach zu klein;
40 M hm hm und wie bei allen anderen großen plänen und ideen
41 kann man schon auch mal die sinnfrage stellen,
42 wie sinnvoll ist aus sicht der experten eine fusion überhaupt;
43 W na eher nicht so; auch wenns politisch gewollt ist,
44 das würde tausende arbeitsplätze kosten;
45 die deutsche bank‘ und die commerzbank
46 haben zwei völlig unterschiedliche geschäftsmodelle,
47 die commerzbank setzt stark auf den mittelstand und privatkunden,
48 die deutsche bank auf das investmentbanking- das privatkundengeschäft
49 hat sie durch die übernahme der postbank gestärkt;
50 schon dort treffen zwei völlig unterschiedliche unternehmenskulturen
51 aufeinander; beide banken haben also ihre probleme;
52 größe allein hilft da nicht weiter,
53 deshalb ist diese fusion erst einmal nicht sonderlich sinnvoll,
54 denn aus zwei ackergäulen macht man kein rennpferd.
55 M (lacht ganz leicht)+ vielen dank stefan wolff in frankfurt am main;

Die gesamte Sequenz wurde i.Ü. nicht unmittelbar aus der ZDF-Mediathek herunter­geladen, sondern erst später, nämlich im Anschluss an das Anschauen des ZDF-Mittags­magazins vom 1.2.19, bei dem der stark bildlich-idiomatische,18 äußerungs­wertige Ausdruck Aus zwei Ackergäulen macht man kein Rennpferd (Z. 54) sofort ins Auge stach und als typischer Fall einer nicht konventiona­lisierten Metapher notiert wurde.19 Erst in einem zweiten Schritt wurde aus Beleg­gründen und um zumindest einen minimalen Kontext für diesen bildlichen Ausdruck zu gewinnen, die gesamte Sequenz abgespeichert und transkribiert. Dabei fiel auf, dass der formal interaktiv gestaltete aber inhaltlich eher monologische Börsen­bericht nicht nur die zitierte, sondern eine ganze Reihe anderer mono- und poly­lexikaler möglicher metaphorischer Ausdrücke enthält. Ohne Anspruch auf Voll­ständigkeit erheben zu wollen, hier nachstehend zwei Klassen von (möglichen) Metaphern, einerseits mono­lexikale, (Substantive, Verben), anderer­seits poly­lexikale Ausdrücke:20

  • Monolexikale metaphorische Lexeme – Substantive:

Fusion (05, 21, 37, 42, 53)21, (Banken)Riesen, Zwerg (30), (Branchen)Führer (31), Übernahme (49).

  • Monolexikale metaphorische Lexeme – Verben:

entwirren (04), fusionieren (07), rundlaufen (09), (Verluste) einfahren (11), antreten für (17), (auf Gewinne) trimmen (18), spiegeln (27), (Kurs) fallen (28), verschmelzen (36), kosten (44), setzen auf (47), aufeinandertreffen (50).

47Davon ausgehend, dass man prinzipiell über „normales“ lexikalisches Wissen verfügen muss, um überhaupt eine x-beliebige sprachliche Produktion verstehen zu können, selbst wenn sie keine idiomatischen Spezial­kenntnisse oder besonderes Allgemein- oder Welt­wissen erfordern, lässt sich feststellen, dass sämtliche mono­lexikalen Substantive und Verben eine semantische Basis besitzen, wesentliche semantische Elemente der wörtlichen Bedeutung des Ausgangs­bereiches folglich auf den Ziel­bereich übertragbar sind. Die vorstehenden monolexikalen Lexeme besitzen also tatsächlich eine metaphorische Bedeutung, sind folglich nicht mögliche, sondern echte Metaphern.

48All diese mono­lexikalischen Einheiten lemmatisiert das Duden Universalwörterbuch (DUWB) i.Ü. grosso modo in ihrer ursprünglich wörtlichen, aber auch übertragen bildlich-metaphorischen Bedeutung, wie die nachstehende Tabelle 1 belegt.

Tabelle 1: DUWB-Einträge für metaphorische Substantive

Nomen der Sequenz Lemma des DUWBa
Fusion (05 etc.) Verschmelzung zweier od. mehrerer Unternehmen od. [politischer] Organisationen (von lat. ‚Fusio‘: Gießen, Schmelzen vom Verb ‚fundere‘)b
(Banken)Riesen in Märchen, Sagen u. Mythen auftretendes Wesen von übergroßer menschlicher Gestalt: ein wilder, böser, gutmütiger, schwerfälliger R.; Ü er ist ein R. (ein sehr großer, kräftiger Mensch, Hüne); er ist ein R. an Geist, Gelehrsamkeit (ist sehr klug, gelehrt); die felsigen -n (die sehr hohen Berge) Südtirols; -n (Hochhäuser) aus Beton und Glasc
Zwerg (30) (in Märchen u. Sagen auftretendes) kleines, meist hilfreiches Wesen in Menschengestalt […]; kleinwüchsiger Mensch; kleiner Mensch; Zwergsternd
(Branchen)Führer (31) leitende Person einer Organisation, Bewegung o.Ä.: ein erfahrener F.; der F. einer Bewegung, Parteie
Übernahme (49) a) etw., was jmdm. übergeben wird, entgegennehmen: den Staffelstab ü.; Waren ü.; b) als Nachfolger in Besitz, Verwaltung nehmen, weiterführen: sie hat das Geschäft [ihres Vaters] übernommen; er übernahm den Hof in eigene Bewirtschaftung; die Küche haben wir vom Vormieter übernommen; den Konkurrenten feindlich ü. (ihn gegen dessen Willen durch Kauf der Aktienmehrheit o. Ä. in seinen Besitz bringen) f
a. Zitiert nach der CD-Version von 2007 der 6. Über­arbeiteten und erweiterten Auflage des DUWB.
b. Das DUWB gibt noch die Spezial bedeutungen aus Biologie, Optik und Physik an.
c. Auf die Angabe der Spezial­bedeutungen wird – wie auch bei den folgenden Lemmata – verzichtet.
d. Die DUWB-Definition scheint unvollständig zu sein. Das Merkmal Zwerg kann generell Lebewesen oder „Objekten“ zugeschrieben werden, die als sehr klein gelten, so auch Zwerg­ziege, Zwerg­kaninchen, Zwerg­staat, Zwerg­planet. S. die zahl­reichen Komposita unter http://corpora.uni-leipzig.de/de/res?corpusId=deu_newscrawl_2011&word=Zwerg* (12/04/2019). Zwerg in unmittel­barer Nachbar­schaft von Banken­riese ist deshalb sofort verständlich.
e. Dass auch eine Organisation, hier eine Branche, oder ein Verein, die aus Personen bestehen, Führer sein kann, verschweigt das DUWB.
f. Es wird die DUWB-Definition des Verbes über­nehmen zitiert, da man bei Über­nahme lediglich das Über­nehmen als Erklärung findet.

49Es kann deshalb im Grunde kein Zweifel daran bestehen, dass für einen kompetenten Mutter­sprachler, von dem ausgegangen werden muss22, die gemeinsamen Merkmale der wörtlichen und metaphorisch-übertragenen Bedeutung der vorstehenden Nomen unmittelbar erkenntlich sind. Bei Zusammen­schlüssen und Fusionen im Sinn von Vereinigung oder Versch­melzung hat man keine andere Interpretations­möglichkeit; Riesen sind sehr groß, Zwerge sehr klein; jemand, der ein Führer in einem Bereich ist, leitet oder steht an der Spitze; bei einer Übernahme wird etwas von einer Hand in die andere übergeben und übernommen.

50Ähnlich verhält es sich bei den Verben der Tabelle 2.

Tabelle 2: DUWB-Lemmata für metaphorische Verben

Verb der Sequenz Lemma des DUWB
entwirrren (04) 1. (ungeordnet Verschlungenes) auseinanderziehen, ordnend auflösen: einen verknoteten Bindfaden nicht e. können; 2. a) die Unklarheit, Schwierigkeit einer Sache auflösen: die politische Lage e.; b) <e. + sich> seine Unklarheit, Schwierigkeit verlieren u. sich auflösen lassen: die Lage entwirrte sich
fusionieren (07) mit einem od. mehreren Unternehmen verschmelzen: der Verlag fusionierte mit einem größeren Unternehmen (s.o. Fusion)
rund laufen (09) rund: in sich abgerundet u. vollkommen: der Wein hat einen -en Geschmack, ein -es Bouquet; ein -er (voller, abgerundeter) Klang; ein -er (ugs.; in jeder Hinsicht zufriedenstellender) Erfolg; eine -e (ugs.; überzeugende) Leistung; der Motor läuft r. (ugs.; ruhig, gleichmäßig); bei uns läuft alles r. (ugs.; ist alles in Ordnung, klappt alles); laufen: ~ gut funktionierena
(Verluste) einfahren (11) a) (als Ernte) in die Scheune bringen: das Korn e.; Ü wir haben am kalten Büfett ganz schön eingefahren (ugs. scherzh.; große Mengen gegessen); b) (ugs.) erzielen, erwirtschaften: Gewinne, Verluste e
antreten für (17) a) sich zu etw. anschicken, mit etwas beginnen: eine Reise, den Heimweg a.; sie hat eine neue Stelle, die Lehrzeit angetreten; eine Strafe a. (abzubüßen beginnen); den Urlaub a.; die Regierung a.; b) übernehmen: jmds. Nachfolge, ein Amt, ein Erbe a
trimmen auf (18) 1. durch sportliche Betätigung, körperliche Übungen leistungsfähig machen: er trimmt seine Schützlinge; sich täglich durch Waldläufe t.; Ü sie hat seinen Sohn für die Klassenarbeit getrimmt; 2. (ugs.) [durch wiederholte Anstrengungen] zu einem bestimmten Aussehen, zu einer bestimmten Verhaltensweise, in einen bestimmten Zustand bringen, in bestimmter Weise zurechtmachen, bestimmte Eigenschaften geben: seine Kinder auf Höflichkeit, auf Ordnung t.; sie trimmt sich auf jugendlich; das Lokal ist auf antik getrimmt
spiegeln (27) das Spiegelbild von etw. zurückwerfen: die Glastür spiegelt die vorüberfahrenden Autos; Ü ihr Gesicht spiegelte Angs
(Kurs) fallen (28) eine vertikale Bewegung nach unten vollziehen (Def. GS)
verschmelzen (36) 1. durch Schmelzen u. Zusammenfließenlassen miteinander verbinden <hat>: Kupfer und Zink zu Messing v.; Ü zwei Dinge zu einer Einheit v.; 2. durch Schmelzen u. Zusammenfließen zu einer Einheit werden <ist>: Wachs und Honig verschmelzen [miteinander]; Ü die beiden Parteien verschmolzen 1922; Musik und Bewegung verschmolzen zu einem Ganzen
kosten (44) 1. a) einen bestimmten Preis, einen Preis von einer bestimmten Höhe haben: das Buch kostet zehn Euro; was, wie viel kostet ein Pfund Butter?; das kostet [gar] nichts; das Bild kostete ihn 5000 Euro (für das Bild musste er 5000 Euro bezahlen); das hat sie einen schönen Batzen Geld, ein Vermögen gekostet; […]; 2. für jmdn. einen Verlust von etw. nach sich ziehen: dieser Fehler kann dich/(seltener:) dir die Stellung k.; die Schließung der Zechen kostet etwa 60000 Kumpel[n] die Arbeitsplätze
setzen auf (47) g) bei einer Wette, einem Glücksspiel als Einsatz geben: ein Pfand s.; seine Uhr als, zum Pfand s.; er hat 100 Euro auf das Pferd gesetzt; <auch o. Akk.-Obj.: >er setzt immer auf dasselbe Pferd; Ü auf jmdn. s. (an jmds. Erfolg, Sieg glauben u. ihm sein Vertrauen schenken); seine Hoffnung auf jmdn., etw. s. (in einer bestimmten Angelegenheit darauf hoffen, dass sich durch jmdn., etw. etwas für einen erreichen lässt); sein Vertrauen auf jmdn., etw. s. (Vertrauen); Zweifel in etw. s. (Zweifel)
aufeinandertreffen (50) zusammentreffen u. sich im [Wett]kampf messen: die Sieger tref-fen im Halbfinale aufeinander Oder einfach: sich begegnen (GS)
a. Eine Definition, die im DUWB fehlt: Wie gehen die Geschäfte? – Es läuft.

51Auch hier kann an der offen­sichtlichen Merkmals­schnittmenge der wörtlichen und über­tragenen Bedeutungen der einzelnen Verben kein Zweifel bestehen. Einfache Interpretationen der in Tabelle 2 angeführten Verben als etwas Kompliziertes (auf)lösen; etwas verschmelzen; sehr gut, gar perfekt funktionieren; erzielen oder erwirt­schaften; etwas, z.B. eine neue Aufgabe übernehmen; leistungs­fähig(er) machen; ein identisches Bild von etwas abgeben durch Reflexion; eine Bewegung nach unten vollziehen; durch bestimmte Maßnahmen etwas miteinander verbinden; einen (negativen) Preis haben; an den Erfolg einer bestimmten Sache oder Aktivität glauben; sich begegnen in einer Wettbewerbs­situation sind deshalb problemlos möglich.

52Anders sieht es bei den folgenden poly­lexikalischen Ausdrücken aus, die im Gegensatz zu den monolexikalen potentiell metaphorisch sind, da eine semantische Basis nicht immer automatisch gegeben ist, was für die Ausdrücke in die roten Zahlen rutschen (10), ein Stück des Weges gehen (20), neue Baustellen aufreißen (21), auf Augenhöhe (stattfinden) (38), aus zwei Ackergäulen kein Rennpferd machen (54) zutrifft. Diese werden deshalb nachstehend im Einzelnen analysiert:

  • in die roten Zahlen rutschen (10)

Dieser Ausdruck besitzt keine semantische Basis, ist folglich nicht metaphorisch für einen Adressaten, der nicht weiß, dass rote Zahlen für Verluste oder negative Bilanzen stehen. Dies abgesehen von der Etymologie des bildhaften, aber nicht bildlichen Idioms, die auf die Tatsache zurück­zuführen ist, dass in alten Zeiten Schulden oder negative Bilanz­summer mit roter Tinte geschrieben wurden.23 Zum Verständnis ist deshalb idiomatisch-metaphorisches lexikalisches Allgemein­wissen vonnöten. Nach Glucksberg wäre dieser bildhafte Ausdruck deshalb semantisch „low-constraining“, da dem Adjektiv rot und dem Nomen Zahlen praktisch unbegrenzt Merkmale zugeschrieben werden können. Sollte lexikalisches Allgemein­wissen nicht verfügbar sein, kann jedoch der Kontext zum Verständnis herangezogen werden.

In der folgenden Konstruktion­seinheit seines Berichtes äußert der Börsen-Korrespondent nämlich vor allem das Investment­banking fuhr Verluste ein (Z. 11). In der Folge­äußerung hat man so de facto die Erklärung, gar Definition für die roten Zahlen der vorigen Zeile: rote Zahlen stehen für Verluste. Selbst wenn man nicht die Bedeutung der roten Zahlen kennte, würde man folglich den Ausdruck angemessen interpretieren können. Es handelt sich dement­sprechend um eine mögliche Metapher, d.h. eine Metapher, die nicht aus semantischer Sicht metaphorisch ist, da die Verbindung von roten Zahlen und Verlusten nicht aus dem sprachlichen Material zwingend hervorgeht, sondern die metaphorische nur bei angemessener Interpretation über Allgemein­wissen oder des Kontextes erfolgen kann.

  • es ist noch ein Stück des Weges zu gehen (20)

Eine semantische Basis ist vorhanden: man ist noch nicht weit genug gegangen (wörtliche Bedeutung) bzw. muss noch zusätzliche Aktivitäten unternehmen (übertragener Sinn), um zu dem Ziel zu gelangen, das es zu erreichen gilt. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich um ein lokales Ziel handelt oder um ein ökonomisches wie im vorliegenden Fall. Das Ziel bleibt das Ziel und erfordert einen gewissen Aufwand, der als Weg im Sinne notwendiger Aktivitäten symbolisiert werden kann. Im Gegen­satz zum vorausgehenden Ausdruck handelt es sich hier folglich um eine „high-constraining“-Metapher, da die Zahl der gemeinsamen Merkmale äußerst begrenzt ist. Das Verständnis des metaphorischen Ausdrucks wird zusätzlich durch den Kontext gewähr­leistet, in dem um die Gesundung der Deutschen Bank geht, die „nach drei verlustreichen Jahren im Ansatz gelungen“ ist (Z. 19), was impliziert, dass sie noch nicht abgeschlossen ist, „noch ein Stück des Weges zu gehen“ ist (Z. 20).

  • neue Baustellen aufreißen (21)

Auch hier existiert wiederum eine semantische Basis. Man reißt zwar keine Baustelle auf, bspw. eine Straße, um Bauarbeiten durch­zuführen, z.B. um eine Kanalisation zu verlegen. Es ist aber offensicht­lich, das auch eine Fusion einen zu reparierenden Tatbestand schaffen würde, der mehr oder weniger aufwändige Arbeiten erforderte und eine zumindest zeitweise Behinderung darstellte. Damit ist auch das tertium comparationis von Medium (Baustelle schaffen) und Thema (DB sanieren) beschrieben. Die Metapher, denn um eine solche handelt es sich in der Tat, ist aufs Neue „high-constraining“, „vehicle properties“ und „topic dimensions“ sind in einer relativ kleinen Schnitt­menge vereinigt. Der Kontext beinhaltet allerdings keine Information bzgl. einer möglichen Behinderung oder eines notwendigen Aufwandes; dieser Inhalt wird allein durch den bildlich-metaphorischen Ausdruck transportiert.

  • auf Augenhöhe stattfinden (38)

Es ist unsicher, ob hier eine semantische Basis vorliegt: wörtlich bedeutet der Ausdruck einfach, dass etwas auf einem Sicht­niveau stattfindet, auf dem es vom Betrachter leicht wahr­genommen werden kann. Um Eben­bürtigkeit, Gleich­berechtigung, gleichen Rang oder gleiche Verhandlungs­positionen, Abwesen­heit einer „position haute“ eines der Interaktanten geht es hier nicht. Dazu muss man diese idiomatische Bedeutung des bild­haften Ausdruckes kennen. Liegt kein idiomatisches Wissen vor, ist der Ausdruck „low constraining“, da schier unzählige Merkmale des Mediums aktiviert werden könnten. Erneut kommt der Kontext zu Hilfe: in der Folge­äußerung heißt es, dass die Deutsche Bank zu klein ist (Z. 39). Die französische BNP Paribas, mit der eine Fusion im Raume steht, ist die dritte Bank Europas (Z. 33), die DB hingegen nur einen Bruchteil der größten Bank Europas, der HSBC, wert (Z. 34). Während des Berichts werden dazu Illustra­tionen gezeigt. Es wird also ein Vergleich der Größe der DB und der BNP angestellt, so dass zumindest das Nomen Höhe des Nominal­kompositums Augenhöhe verständlich ist. Im Grunde ist das Verständnis der Metapher aber nicht notwendig, um den dargestellten Sachverhalt – ungleiche Ausgangs­bedingungen einer eventuellen Fusion – begreifen zu können.

53Die Ergebnisse der vorstehenden Diskussion lassen sich wie folgt zusammen­fassen:

Tabelle 3: Bewertungskriterien für vier mögliche Metaphern

Ausdruck semantische Basis “high/low con-straining” Kontext Allgemeinwissen
rote Zahlen eher nein low ja, Folgezeile ja, notwendig
Stück Weges ja high ja, Vortext nicht unerlässlich
Baustelle aufreißen ja high nein nicht notwendig
auf Augenhöhe nein low ja, Vor- und Nachtext nicht unerlässlich

54Die Diskussion zeitigt folgende Ergebnisse:

  • fehlt einem bildhaften Ausdruck die semantische Basis, ist er semantisch „low constraining“ und kann kaum ohne zusätzliche Hilfen interpretiert werden;
  • in diesen Fällen ist ein Rückgriff auf vorausgehende und / oder nach­folgende Aktivitäten notwendig, um den Ausdruck als Metapher interpretieren zu können;
  • bei stark idiomatischen, d.h. semantisch nicht-kompositionellen Ausdrücken kann (lexikalisches) Allgemein­wissen Voraus­setzung für das Verständnis des Ausdruckes sein;
  • im Idealfall besitzt ein Ausdruck eine semantische Basis, seine Interpretation ist aber zusätzlich auch im Kontext verankert;
  • bei starker Kontext­einbettung ist es vorstellbar, dass eine Äußerungs­sequenz, die einen metaphorischer Ausdruck enthält, adäquat interpretiert wird und kohärente Folge­aktivitäten nach sich zieht, ohne dass der entsprechende Ausdruck in seiner metaphorischen Bedeutung verstanden wird.

55Abschließend wird der die Sequenz (1) resümierende verall­gemeinernde metaphorische Ausdruck analysiert: aus zwei Ackergäulen macht man kein Rennpferd (Z. 54). Zunächst einmal ist festzustellen, dass diese Metapher einen Sonder­status im Vergleich zu den zuvor diskutierten besitzt. Sie ist äußerungs­wertig, d.h. nicht syntagmatisch wie die anderen, befindet sich zudem in sequenz­finaler Position und übernimmt hier im Stile eines Gemein­platzes resümierende, Komplexität reduzierende Funktion (vgl. Gülich [1981]). Im Fernsehen spielt überdies auch in einer Nachrichten­sendung vom Stile des Mittags­magazins, selbst wenn es um so etwas Ernstes wie Geld geht, Unter­haltung eine Rolle. Die stark bildhafte Metapher könnte so auch belustigend wirken, was natürlich nicht der Analyst für alle Zuschauer entscheiden kann, ohne diese befragt zu haben.

56Der satzwertige Ausdruck mit den zwei Ackergäulen, aus denen man kein Rennpferd machen kann besitzt a priori eine semantische Basis. Die Schnitt­menge der Dimensionen des Mediums (Ackergäule und Rennpferde) und des Themas (Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank) enthält offensicht­liche identische Merkmale: Langsam­keit, Schwer­fälligkeit => wenig Kompetitivität im Rennen bzw. Wettbewerb vs. Schnelle => Kompetitivität und Fähigkeit, Rennen zu gewinnen bzw. im Wettbewerb zu bestehen. Daraus folgt die zwingende Erkenntnis, dass man auch bei Verdoppe­lung eines nicht kompetitiven Elements kein wettbewerbs­fähiges Pferd bzw. eine wettbewerbs­fähige Bank erhält. Auch, dass eine derartige Operation nicht zum gewünschten Erfolg führen kann bzw. muss. Ko- und Kontext liefern zusätzliche Interpretations­hilfen. Zunächst einmal ist die Metapher mit dem kausalen Koordinator denn an den Vortext angeschlossen, liefert folglich eine Begründung für die zuvor geäußerte Fest­stellung. Aus dem aus dem gesamten Vortext ab der gleich zu Beginn gestellten Frage der Moderatorin geht nämlich hervor, dass die beiden deutschen Banken im europäischen Vergleich sehr klein sind, dement­sprechend selbst bei einem Zusammen­schluss nicht gegen die europäischen Groß­banken bestehen könnten. Diesen Schluss resümiert die finale Metapher.24

57Es ist kaum festzustellen, ob diese – humoristische? – Metapher den Ausgangs­punkt bildet, jedenfalls findet man in vielen anderen Sendungen des Fernsehens Variationen dieser Metapher oder ähnlich gebildete Metaphern, die sich nicht konkurrenz­fähiger Lebewesen bedienen.

58In der humoristischen Heute Show vom 22. März 2019 nimmt der Moderator Oliver Welke dieses Thema auf und moderiert an:

01. die groko will jetzt die commerzbank,
02. mit der deutschen bank zwangsverheiraten ne; quasi zusammennähen;
03. dabei gilt letztere manchen schon jetzt als die gefährlichste bank der welt ne;
04. die deutsche; beide haben immer noch ganz gewaltig zu kauen
05. an ihrer letzten fusion; was soll der quatsch?

59Schon hier trifft man wieder auf monolexikale Metaphern mit semantischer Basis: zwangs­verheiratet und zusammen­nähen (Z. 02). Im Anschluss daran werden sehr kurze Ausschnitte einer Reihe generalisierender Äußerungen gezeigt, die als Variationen von Zwei Ackergäule… gelten können; dazu eine Reihe weiterer Äußerungen des gleichen Typs aus unter­schiedlichen Quellen des Internet.25

  • Aus zwei Kranken macht man keinen Champion. (Welt, zitiert nach ZDF Heute Show 22.3.19)26
  • Zwei kranke Truthähne ergeben keinen Adler. (Moma ARD: Fabio de Masi, MdB; zitiert nach ZDF Heute Show, 22.3.19)
  • Zwei Lahme, so heißt es hier in Frankfurt, die werden nicht automatisch zu einem Marathonläufer. (ntv, zitiert nach ZDF Heute Show, 22.3.19)
  • Zwei lahme Banken ergeben zusammen auch keinen Bankenchampion. (Newspodcast Zeitonline, Player FM 19.2.19);
  • Zwei Lahme ergeben zusammen keinen Sprinter. (tagesschau.de, 17.3.19)
  • Aus zwei Lahmen wird noch lange kein Olympionike. (Spiegel online, Forum Wirtschaft: Objectives, 17.3.19)
  • Wenn man zwei Einbeinige aneinanderfesselt, wird daraus kein gesunder Zweibeiner. (Spiegel online, Forum Wirtschaft: Shardan, 17.3.19)
  • Aus zwei Blinden wird kein Sehender. (Spiegel online, Forum Wirtschaft: Zauberer2112, 17.3.19)
  • Wenn sich zwei Fußkranke zusammentun, wird daraus noch lange kein Dreamteam. (ntv, zitiert nach ZDF Heute Show, 22.3.19)
  • Viel wird derzeit über eine Fusion spekuliert, doch aus zwei Fußkranken wird kaum je ein Meisterläufer. (nzz, 17.1.19)
  • Minus mal minus gibt plus, doch zwei schwache Banken machen noch keine starke. (nzz.ch, 18.3.19)

60In allen Fällen werden wiederum zwei benachteiligte, als nicht wettbewerbs­fähig geltende Menschen oder Tiere mit einem als konkurrenz­fähig angesehenen dritten Element verglichen: Kranke vs. Champion; kranke Truthähne vs. Adler; Lahme vs. Marathon­läufer / Sprinter / Olympionike; lahme Banken vs. Bankenchampion; Einbeinige vs. Zweibeiner; Fußkranke vs. Dreamteam / Meisterläufer; Blinde vs. Sehender. Schließlich findet man auch einen nicht-metaphorischen Vergleich: Minus mal minus gibt plus, doch zwei schwache Banken machen noch keine starke (nzz.ch, 18.3.19).

61Ist Oliver Welkes Fazit „so sagt man vier kranke truthähne ergeben einen kastrierten wellensittich“ allein dem humoristischen Genre zuzuschreiben und einfach nur absurd? Möglicher­weise nicht, wenn man ein tertium comparationis der Merkmale von „vehicle“ und „topic“ heraus­arbeitet und die Tatsache in Rechnung stellt, dass hier die Negation des jeweiligen Vergleichs­elementes fehlt. Dennoch handelt es sich auch hier wieder um eine unmögliche Operation, aus als benachteiligt betrachteten Lebewesen durch Fusion von zweien eines mit positiven, konkurrenz­fähigen Eigen­schaften zu kreieren.27

62Aus kognitivistischer Perspektive würde man angesichts derart zahlreicher bildlicher Ausdrücke nach dem gleichen Muster „2 x nicht konkurrenzfähig ergibt nicht 1 wettbewerbs­fähig“ auf das Vorliegen einer konzeptuellen Metapher schließen. Oder variiert man vielleicht einfach nur ein Modell, dass irgendein Journalist vorgelegt hat?

Fazit – Mögliche Metaphern im fachsprachlichen Kontext

63Die Analyse des Börsen­berichts mit zahlreichen bildstarken Ausdrücken hat ergeben, dass in der Mehrzahl der Fälle im definierten Sinne eine semantische Basis der betreffenden Äußerungs­elemente vorliegt, zudem im Kontext die metaphorische Bedeutung erhellende Elemente vorhanden sind. Stehen derartige semantische und / oder ko(n)textuelle Indikatoren zur Verfügung, ist die Wahr­scheinlich hoch, eine Verbindung von Ausgangs- und Ziel­bereich herzustellen, um eine Metapher zu interpretieren. Wenn diese jedoch nicht vorhanden sind, sogar idiomatisches oder enzyklo­pädisches Spezial­wissen zur Ent­schlüsselung vonnöten ist, verringert sich die Wahrschein­lichkeit angemessenen Verstehens.

64Im Endeffekt muss der Interaktant-Adressat in der Lage sein, ein tertium comparationis von Dimensionen des Mediums und des Themas zu erkennen, um auf eine metaphorische Bedeutung zu schließen. Ob dies Fall ist, könnten letztendlich nur kaum zu bewerk­stelligende nach­trägliche Befragungen von Interaktanten ergeben, oder aber über Folge­aktivitäten, idealiter meta­kommunikative Äußerungen, die explizit auf die Interpretation schließen lassen, gefolgert werden. Auch semantisch-thematisch kohärente Folge­aktivitäten könnten a priori auf das Verständnis aus semantischer Sicht metaphorischer Ausdrücke schließen lassen. Allerdings verfügt man über keinerlei eineindeutige Beweise, dass ein Interaktant tatsächlich eine Metapher in ihrer Verbindung von Medium-Thema-Merkmalen als solche verstanden hat. Möglicher­weise setzt der Vollzug einer kohärenten Folge­aktivität gar nicht das Verständnis des metaphorischen Ausdrucks voraus, da der Turn, der diese beherbergt, auch ohne sie auf der Grundlage ko- und kontextueller Elemente den Intentionen des Produzenten des Turns, der die Metapher enthält, entsprechend interpretiert werden könnte. Dies ist allerdings mit konversations­analytischen Mitteln allein nicht eruierbar.

65In jedem Fall sagt eine kontext­freie, im Grunde semantische Zuschreibung metaphorischer Relationen, wie sie Burger vorschlägt (cf. supra), wenig über Kompetenzen und Interpretations­leistungen von Interaktions­beteiligten aus. Bedeutungs­beziehungen zwischen Ausgangs- und Zielbereich bildhafter Ausdrücke werden in Konversationen unabhängig davon hergestellt, ob sie aus semantischer Perspektive als bildhaft nicht-metaphorisch oder bildlich metaphorisch zu gelten haben. Auch das, was aufgrund semantischer Regeln als nicht-metaphorisch einzu­stufen wäre, z.B. jmdm. einen Korb geben28, kann über ko(n)textuelle Faktoren interpretierbar sein; andererseits müssen von Semantikern als metaphorisch eingestufte Bilder, wie z.B. wie Äpfel und Birnen sein, für Beteiligte, die „hidden properties“ wie markante Unterschiedlichkeit nicht aktualisieren,29 keineswegs metaphorisch sein (cf. Schmale [2014]).

66Von echten Metaphern kann man deshalb nur aus semantischer Sicht sprechen, aus der Perspektive von Interaktions­beteiligten kann es im konversationellen Kontext nur mögliche Metaphern geben, da man nur selten weiß, ob sie überhaupt als solche verstanden werden bzw. ob die Verbindung von Medium und Thema richtig interpretiert wird.

67Unbestritten ist aber, dass der vorliegende Börsen­bericht eine äußerst große Zahl mono- und poly­lexikaler bildhaft, potentiell metaphorischer Ausdrücke enthält, die in der Mehrzahl eine semantische Basis besitzen und folglich, nicht zuletzt dank ihrer starken kontextuellen Einbettung, eine metaphorische Information wahr­scheinlich erscheinen lassen. Überdies kann man wohl davon ausgehen, dass Produzenten von Metaphern nicht derart massiv auf diese zurück­greifen würden, wenn sie nicht davon ausgehen würden, dass ihre Gesprächs­partner diese auch interpretieren können.


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Notes


1 Wir verzichten hier auf ausführliche Literatur­hinweise, die äußerst einfluss­reiche Monographie von Lakoff / Johnson [1980] oder die zahlreichen Arbeiten von Schmitt (bspw. [2011]) sollen genügen. Schon Gessinger [1992: 29] weist darauf hin, dass eine beträcht­liche Zahl von Veröffent­lichungen zur Metapher in Philosophie, Literatur­wissenschaft und Linguistik vorliegen, die die traditionelle Auffassung, dass Metaphern eine Form devianten Sprach­gebrauchs seien, ad acta legen.

2 Peyer / Künzlis [1999] Aussage, dass „Metaphern in der Fachsprache, insbesondere Wissenschafts­sprache, […], im Gegensatz zu Metaphern allgemein, erstaunlicher­weise linguistisch nur wenig erforscht [sind]“ und erst seit den achtziger Jahren zur Kenntnis genommen werden, trifft folglich heute nicht mehr zu. – S. auch Jäkel [2003] zu weiteren fachsprach­lichen Bereichen.

3 Es handelt sich um eine zu Argumentations­zwecken vom Autor des vorliegenden Beitrages erfundene Sequenz. Prinzipiell werden diese von aus natürlichen Kommunikations­situationen stammenden Korpus­belegen unterschieden, da sie keine empirische Grundlage besitzen.

4 Dabei soll nicht vergessen werden, dass der Begriff der Metapher (von griech. metapherein ~ übertragen, woandershin tragen) aus Aristoteles‘ (384-322 v. Chr.) Poetik und Metaphorik stammt und bereits ca. 2000 Jahre alt ist. Dort heißt es: „Eine Metapher ist „die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird) und zwar entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung oder von einer Art auf die andere oder nach den Regeln der Analogie.“ [Aristoteles 1979: 67]

5 „Das Wesen der Metaphern besteht darin, dass wir durch sie eine Sache oder einen Vorgang in Begriffen einer anderen Sache bzw. eines anderen Vorganges verstehen und erfahren können.“ [Lakoff / Johnson 1998: 19]

6 Oder auch das sehr bekannte love is a journey, Liebe ist eine Reise: Leerlauf in einer Beziehung (haben), durch Höhen und Tiefen gehen, am Scheideweg (sein, stehen), eine Beziehung hat sich fest­gefahren, einen weiten Weg gemeinsam gegangen sein, die Beziehung steckt in einer Sackgasse, gemeinsam durchs Leben gehen usw. Kierkegaard (1813-1855) sagt sogar: „Die Ehe ist und bleibt die wichtigste Entdeckungs­reise, die der Mensch unter­nehmen kann.“ (cf. zitate-online.de).

7 Teilweise finden aber kulturelle Variationen Erwähnung (vgl. Schmitt [2011: 52]

8 Vgl. zu dieser Kritik auch Steen [2011: 58], der darauf hinweist, dass zahl­reiche weitere Perspektiven bei der Metaphern­verwendung und -interpretation eine Rolle spielen.

9 Schmale [2014: 87-88] kommentiert diese Definition wie folgt: „Die vorstehende Festlegung ist allerdings in der vorliegenden Form kaum operationa­lisierbar, da zentrale Begriffe nicht definiert werden. Man erfährt nicht, was ein ‚durch­schnittlicher Sprecher‘ ist, zudem muss dieser aufgrund von Phänomenen, „die dem System der Sprache zuzu­sprechen sind“, kontext­frei metaphorische Beziehungen erkennen, also im Endeffekt doch wieder ausgehend von semantischen Kriterien.“

10 Vorausgesetzt natürlich, es ist bekannt, was eine Nadel und ein Heuhaufen ist, was aber bei einem kompetenten Mutter­sprachler angenommen werden kann.

11 Häufig auch Rabenmutter: Rabenvater war dem Autor des vorliegenden Beitrags nicht geläufig, eine Google-Suche ergab aber 45900 Treffer (Rabenmutter 277000), was im Zuge der fort­schreitenden Geschlechter­gleichstellung kaum überraschend ist.

12 Wobei selbst diese der Gemein­sprache zugehörig sein könnten.

13 Worauf auch bereits Benveniste [1974 : 94] hinge­wiesen hatte: « Ce qui change dans la langue, ce que les hommes peuvent changer, ce sont les désignations, […], mais jamais le système fondamental de la langue. »

14 Schmale [2018: 174] belegt dies anhand des medizinischen Diskurses im Kranken­hausalltag.

15 Schmale [2018] weist aber auch hier nach, dass Patient­Innen mit Krankheits­erfahrung durchaus diese Begriffe ebenfalls verwenden.

16 Die i.Ü. aber auch wieder auf Spezial­vokabular zurück­greifen könnte.

17 Großbuch­staben sind starken Akzentu­ierungen vorbe­halten. Ein Komma (,) signalisiert leicht steigende, ein Frage­zeichen stark steigende, ein Semikolon (;) leicht fallende, ein Punkt tief fallende Intonation. Ein Gedanken­strich steht für die Stimme in der Schwebe. (.) signalisiert ein kurzes Absetzen von ca. 1/10 Sekunde. Ein + zeigt das Ende einer voraus­gehenden Klammer­charakterisierung an.

18 Im Anschluss an Burger [2010] mit einer semantischen Basis ausgestattet, so dass der Ausdruck aufgrund des Bildes metaphorisch interpretiert werden kann – im Gegen­satz zu einem bildhaften Ausdruck ohne semantische Basis. Farø [2006] spricht in ersterem Fall von Ikonizität, in letzterem von Ikonographie.

19 Daux-Combaudon [2012] bezeichnet derartige Sätze als „verall­gemeinernde Äußerungen“ (énoncés généralisants).

20 Weitere mono- oder polylexikale Ausdrücke mögen ebenfalls metaphorisch sein, werden jedoch nicht weiter diskutiert: rumkommen bei etwas (01), als letzte Rettung (05), aus der Not heraus (07), mit Abstand (13, 31), eine Liste abarbeiten (15), im Ansatz (19), ein Bruchteil von (sein) (34). Andere Lexeme, wie bspw. Zusammen­schluss (Z. 02), für die das DUWB aus­schließlich „Vereinigung: über­nationale, wirtschaft­liche, genossen­schaftliche Zusammen­schlüsse; der Z. der Land­gemeinden“ (zitiert nach der CD-Version von 2007 der 6. Über­arbeiteten und erweiterten Auflage) verzeichnet, wird die wörtliche Bedeutung des Zusammen­schließens gar nicht mehr verzeichnet.

21 In Klammern Zeilen­angaben, die sich auf die Transkriptions­sequenz (1) beziehen.

22 Hausmann [1997] zufolge ist für den Nicht-Mutter­sprachler in einer Fremd­sprache alles idiomatisch, semantisch nicht transparent.

23 Man könnte sich allerdings fragen, ob diese Farbe in rot sehen, ein rotes Tuch oder die rote Linie über­schreiten mehr­heitlich negative Konnotationen hat; in der Verbindung der rote Faden sind diese aber positiv.

24 Weitere Argumente des Börsen­korrespondenten – nicht abge­schlossene Sanierung der DB (Z. 08-10), Skandale (Z. 15), unter­schiedliche Geschäfts­modelle von DB u. Commerz­bank (Z. 46), unter­schiedliche Unter­nehmens­kulturen (Z. 50) – fließen (direkt) in diese verall­gemeinernde Äußerung allerdings nicht ein.

25 Die uns Dr. Anne-Laure Daux-Combaudon (Maître de Conférences, Université Sorbonne Nouvelle, Paris) dankens­werterweise zur Verfügung gestellt hat. Dank gebührt ihr auch für die aufmerksame Relektüre des vorliegenden Aufsatzes sowie ihre hilfreichen Hinweise.

26 Vielleicht auf die Aussage des Bundes-Finanz­ministers Olaf Scholz zurück­zuführen, der geäußert hat, einen nationalen Banken­champion schaffen zu wollen. Welke zitiert dies stark artikulierend: und das ganze verdanken wir olaf scholz (.) olaf scholz will wohl unbedingt <<stark artikulierend> einen nationalen banken­champion> schaffen hat er gesacht.

27 Es soll an dieser Stelle der Hinweis erfolgen, dass die angestellten Vergleiche mit behinderten Menschen diesen ganz und gar nicht gerecht werden: es gibt sehr wohl körper­behinderte Olympioniken, die Höchst­leistungen vollbringen, und Lahme bewältigen im Rollstuhl problemlos und äußerst schnell die Marathon­strecke. Blinde können zwar tatsächlich nicht sehen, sind deshalb aber nicht weniger wertvoll als Sehende. Es überrascht, dass im Deutschen Fernsehen, ansonsten auf politische Korrekt­heit bedacht, derartige Vergleiche völlig undifferenziert bemüht werden, selbst wenn es sich um Zitate handelt.

28 Aufgrund einer fehlenden semantischen Basis des Idioms, so dass keine Merkmale von Medium und Thema in einer Schnitt­menge vorhanden sind.

29 Da eben andere Merkmale wie Frucht, gesund, wohlschmeckend usw. im Vorder­grund stehen (s. Lakoff / Johnsons „hightlighting“, s.o.).


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Günter Schmale, «Mögliche Metaphern in der Fachsprache», ELAD-SILDA [En ligne], n° 2 | 2019 ▪ La métaphore dans les discours de spécialité, publié le : 08/10/2019, URL : http://revues.univ-lyon3.fr/elad-silda/index.php?id=513.

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